Die Utopie der selbstlosen Gesellschaft


March 14, 2015 in Liebe | Hinterlasse einen Kommentar

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Die Utopie der selbstlosen Gesellschaft ist vermutlich so alt wie die menschliche Überlieferung überhaupt. In unserem Kulturkreis beginnt diese Utopie gegen Ende der Schöpfungsgeschichte im Garten Eden, in dem selbstlos und ohne Schuld gelebt wurde, bis der Mensch der Sünde anheimfiel.

Erstaunlicherweise existiert der Garten Eden im Grunde immer noch, denn er wurde ja nicht geschlossen oder zerstört, sondern lediglich der Mensch wurde ausgesperrt. Tiere in einem natürlichen Gleichgewicht ohne menschliche Einflussnahme sollten also im Grunde genommen noch heute in einer selbstlosen Gesellschaft leben: Jeder geht mit Vergnügen seiner Bestimmung nach, um das Große intakt zu halten. Gerne opfert sich der Pflanzenfresser dem Carnivoren, um im Interesse der eigenen Arterhaltung auch die im Grunde feindliche Art zu erhalten, so dass die selbstlose Gesellschaft bis in alle Zukunft existieren und funktionieren kann.

Diese Utopie hat sich in den Köpfen und Sehnsüchten der Menschen wohl lange gehalten und tut dies noch heute. Die Paradies- und Jenseitsvorstellungen aller Kulturen sehen eine solche Daseinsform vor, welche ohne Neid und Hass oder Eifersucht auskommt.

In der Zeit der Entdeckung der anderen Kontinente, also der Epoche, in der die Religion immer mehr an Bedeutung verlor und die Wissenschaft sich durchzusetzen schien, wuchs das Bild des edlen Wilden heran: In den von Zivilisation, Fortschritt und Technik unbefleckten Heiden glaubte man die Bewohner des Garten Eden wieder gefunden zu haben, was freilich weder Händler noch Missionare daran hinderte, die Bewohner des Paradieses zu versklaven und zu berauben, worin sich die schiere Unmöglichkeit einer selbstlosen Gesellschaft zeigt: Sie muss und wird am für diesen Zweck vollkommen unzureichenden menschlichen Naturell scheitern.

Die neuere Zeit schließlich brachte politische Utopien hervor, welche im Grunde die selbstlose Gesellschaft errichten, meist aber in erster Linie erzwingen wollten und letzten Endes jedenfalls bis zum heutigen Tage scheiterten. Die bekannteste dieser Erlösungslehren war vermutlich der Kommunismus in seinen verschiedenen Ausprägungen.

Auch der Faschismus und der Nationalsozialismus verfolgten zwar die Idee einer Art selbstloser Soldatengesellschaft mit bedingungsloser Opferbereitschaft für eine diffuse Idee der Nation, doch war zumindest der Nationalsozialismus von einer solch abgrundtiefen Bösartigkeit, dass er in diesem Zusammenhang nicht besprochen werden soll.

Der Kommunismus chinesischer Prägung indes formulierte eindeutige Ziele einer selbstlosen Gesellschaft: Im grandios gescheiterten "Großen Sprung nach vorn" etwa sollte eine ganze Generation mit Absicht und Hingabe leiden, um ohne eine religiöse Heilshoffnung schlicht eine bessere Zukunft für noch nicht geborene Generationen glücklicher Volksgenossen zu schaffen. Auch die folgende Kulturrevolution vermochte die Selbstlosigkeit der Volksmassen nicht richtig in Schwung zu bringen und das heutige China ist von einem selbstlosen Kommunismus recht weit entfernt und erinnert nur noch durch das Banner der Partei an die Selbstlosigkeit, die heute durch ein wohl weltweit einzigartiges Streben nach schnellem Reichtum abgelöst worden ist.

Auch die Sowjetunion, welche selbstlos die Sowjetmacht zementieren und das ganze Land elektrifizieren sollte, hat Letzteres zwar weitgehend vollbracht, ist aber in Folge menschlicher Gier, also dem Gegenteil der Selbstlosigkeit, heute als Russland eher eine rigide regierte Kleptokratie militaristischer Prägung, während sich die einstigen Satellitenstaaten des untergegangenen Imperiums in die verschiedensten politischen Himmelsrichtungen zerstreut haben und ihr Glück in der Regel in den Verheißungen der persönlichen Wohlstandsvermehrung suchen.

Mit dem wachsenden Widerstand gegen den schrankenlosen Kapitalismus und Individualismus, welcher unsere Gegenwart prägt, keimen utopische Gedanken wieder auf: "Podemos" ("Wir können") in Spanien etwa ist eine Bewegung, welche in einer gewissen Selbstlosigkeit den Ausweg aus der Krise Europas sieht. Auch die griechische Syriza-Partei ist unter solchen Vorzeichen angetreten, hat aber längst ihre ersten Korruptionsfälle und ist auf dem besten Weg, sich als eine Truppe habgieriger Blender und Polit-Amateure zu entzaubern.

Im Grunde ist es schade um die selbstlose Gesellschaft, doch mit Ausnahme abgelegener Klostergemeinschaften oder sinistrer Geheimzirkel werden wir sie wohl zu unseren Lebzeiten nicht finden.

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